Müssen und Dürfen

 

Liebe Leserin/ lieber Leser,

 

in diesem Eintrag geht es um ein Thema, das meiner Ansicht nach noch zu wenig Beachtung in der Pferdewelt findet: Entscheidungsfreiheit.

 

Pferde schulden uns nichts. Seit Jahrhunderten nutzt der Mensch das Pferd für alle seine Zwecke; als Arbeitstier, Fortbewegungs- und Transportmittel, Kriegsgefährten oder als Freizeitbeschäftigung. Pferde schenken uns so vieles, das wir oft gar nicht wahrnehmen. Das Gefühl von tiefem Verständnis und Geborgenheit, wenn es uns nicht gut geht. Das Gefühl von Freiheit, wenn sie uns auf ihrem Rücken im Galopp durch die Felder tragen. Den Blick der Zeitlosigkeit, wenn wir uns für ihre Welt öffnen. Pferde sind immer für uns da, pushen uns, lehren uns und begleiten uns durch alle Lebensumstände - ohne Bedingungen. Woher nehmen wir Menschen uns das Recht zu denken, Pferde müssten das alles für uns tun?

 

Ich habe in der Reitschule als Kind vermittelt bekommen, dass das Pferd funktionieren muss. Es muss immer meinem Willen folgen, andernfalls hat das Konsequenzen. Ich habe diesen Ansatz viele Jahre nicht hinterfragt, ich war mir ja sicher, dass meine Reitlehrer mir nur das Richtige beibringen würden. Mit meinem wachsenden Alter allerdings fielen mir immer mehr Schleier von den Augen und ich habe vieles hinterfragt: warum muss denn so vieles einfach so sein? Meine Antwort auf diese Frage lautet: muss es gar nicht. Viele sind einfach davon überzeugt, weil sie es ebenfalls über Generationen hinweg so gelernt haben. 

 

Zur heutigen Zeit ist vieles im Umbruch; alte Strukturen nehmen neue Formen an, ein Umdenken findet statt. Das Pferd wird mehr und mehr als Individuum angesehen und es wird hinterfragt. Immer mehr Menschen denken Pro-Pferd und wollen ihr Pferd verstehen, statt es nur funktionieren zu sehen. Wenn man dem Pferd auf Augenhöhe begegnen will, ist eines unumgänglich: dem Pferd eine Wahl zu lassen und diese zu respektieren. Ein Pferd ist ein selbst denkendes Lebewesen mit Bedürfnissen, Emotionen und persönlichen Grenzen. Es hat eine eigene Meinung ist die sollte es frei äußern dürfen, ohne mit Strafen rechnen zu müssen. Statt also zum Beispiel in der Freiarbeit zu sagen: "Du musst mir folgen, sonst..." ist es fair zu sagen: "Du darfst mir folgen, du hast die Wahl". Das ist nicht der schnelle Weg zu perfekten Ergebnissen, aber der ehrliche und freundschaftliche Weg zu schönen, gemeinsamen Erfahrungen.

 

Frage dich selbst an dieser Stelle: Was ist mir mehr wert? Das Lob von Außenstehenden, weil mein Pferd so gut funktioniert? Oder die Dankbarkeit, die Freude und die Entscheidung meines Pferdes, bei mir zu sein? Möchte ich Selbstdarstellung oder Ehrlichkeit? 

 

Ich erinnere mich noch gut daran wie wichtig es mir früher war, nach außen hin zu glänzen - auf Kosten meiner Beziehung zu Avalon. Ja, er hat viele tolle Sachen gemacht und das auch für mich. Aber nicht weil er wollte, sondern weil musste. Das habe ich zu Beginn unserer Bodenarbeit spätestens dann gemerkt, wenn er nicht mehr am Halsring, sondern frei war. Dann habe ich nämlich nur noch die Staubwolke vom Reitplatz gesehen und habe frustriert aufgegeben. 

 

Heute sieht unsere Freiarbeit ganz anders aus, ich kann mich nicht mal daran erinnern, wann ich das letzte Mal so etwas wie ein Halfter benutzt habe. Ich lasse ihn dabei komplett frei - und statt ihn mit Druck bei mir zu halten, gebe ich ihm Gründe, gerne zu bleiben. Diese Gründe sind simpel: Freude, Ehrlichkeit, Respekt und die Möglichkeit der Wahl. Ich freue mich von Herzen, wenn wir eine tolle Session haben und respektiere, wenn er keine Lust hat. 

 

Die Wahl des Pferdes sollte nicht als Angriff gewertet werden, sondern als reine Entscheidung. Nicht gegen den Menschen, sondern für etwas anderes. Es ist ein tolles Gefühl, sich von Pferden inspirieren zu lassen. Wenn Avalon keine Lust auf Freiarbeit oder ähnliches hat, bleibt er oft einfach stehen, senkt seinen Kopf und wartet darauf, dass ich seine Entscheidung erkenne und darauf reagiere, indem ich seiner Einladung folge und mich zu ihm setze. 

 

Oft ist es erfüllend genug, einfach zu Sein. Gemeinsam, ohne Erwartungen an das Gegenüber. 

 

Das mindeste was wir unseren Pferden zurückgeben sollten, ist ihre Entscheidungsfreiheit und damit auch unser Umdenken und suchen nach neuen Ansätzen. 

 

Ich bedanke mich für's Lesen und wünsche dir einen schönen Tag,

 

 

Du möchtest mehr über den achtsamen Weg mit Pferden erfahren und ihn selbst gehen? Hier findest du alle Infos zu meinem Onlinekurs! :-)

Kommentar schreiben

Kommentare: 0